Musiktherapie bei Demenz

Wollen wir den Arbeitskreis für Geriatrie und Gerontopsychiatrie wiederbeleben? (Die Lehre eines Neuankömmlings zur Musiktherapie bei Demenz in der Schweiz)

Es ist Mittwochnachmittag, 16:00 Uhr auf der Demenzabteilung und gerade hat ein Schichtwechsel der Pflege stattgefunden, was oft für Unruhe sorgt. Alle 15 Bewohner:innen sitzen im Essbereich. Keine der Personen wäre in der Lage, Auskunft darüber zu geben, wo sie gerade ist, warum sie jetzt dort warten muss oder wer die anderen Menschen in ihrer Nähe sind. Blickkontakt findet kaum mehr statt. Manche Bewohner:innenkennen den eigenen Namen nicht mehr und scheinen ‘ins Leere’ zu starren. Eine Person mit einem Instrumentenwagen kommt bei den Tischen an und die Musiktherapie beginnt.

Die vorher ‘ins Leere’ starrenden Menschen lächeln, bewegen den ganze Körper zur Musik und suchen Kontakt mit anderen, um ihre Freude an dem Erlebnis zu teilen. Ein Mann, der nicht mehr reden kann, singt eine ganze Strophe von «Lueget vo Berg und Tal» und strahlt dabei richtiggehend. Trommeln und kleine Instrumente werden verteilt, die Gruppe wird deutlich lebendiger. Ein gemeinsamer Rhythmus entsteht, spontane kreative Beiträge brechen sich Bahn und werden von den Mitbewohner:innen mit Begeisterung und Blickkontakt begrüsst. Alles, was auf dem Tisch liegt, wird zum Instrument: Pflanzentöpfe, Besteck und Gläser werden mit ungehemmter Freude exploriert. Das Schwyzerörgeli beginnt zu spielen und Partyatmosphäre breitet sich aus. Eine Pflegefachfrau kommt tanzend dazu, hilft einer Bewohnerin aus ihrem Rollstuhl und beginnt mit ihr Walzer zu tanzen.

Ich bin neu in diesem Beruf. Seit fast zwei Jahren arbeite ich mit Menschen mit Demenz und habe noch viel zu lernen. Ich habe das Privileg, solche Szenen wie oben beschrieben erleben zu dürfen und bin täglich berührt und begeistert von der Wirkung der Musik auf Menschen, die von einer dementiellen Entwicklung betroffen sind. Es gibt wohl kein anderes Medium, das wie die Musik so schnell und so dramatisch positiv auf die Stimmung wirkt und auf diese Art Trost, Begegnung und Beziehungsgestaltung ermöglicht. Aus diesen Gründen kann ich nicht verstehen, warum Musiktherapie noch nicht in jedem Heim in der Schweiz angeboten wird.

1.0 Forschungsstand zur Musiktherapie bei Demenz

Die Forschung zur Wirkung der Musiktherapie bei Demenz hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen und die Wirkungsnachweise sind sehr erfreulich. Allein in den letzten fünf Jahren haben aussagekräftige Reviews und Metaanalysen folgendes zur Wirkung von Musiktherapie gezeigt:

  • moderate Effekte von Musiktherapie bei depressiver Symptomatik (van der Stehen, Smaling, van der Wouden, Bruinsma, Scholten, & Vink, 2018),
  • Verlangsamung des kognitiven Abbaus bei Alzheimer Demenz (Fang, Ye, Huangfu, & Calimag, 2017),
  • signifikante Verbesserung der Sprechkompetenzund signifikante Reduktion von Angstzuständen, Depressionen und Apathie (Lam, Li, Laher, & Wong, 2020),
  • Verbesserung der kognitiven Funktion, Lebensqualität und Symptomatik bei Langzeitdepression (Moreno-Morales, Calero, Moreno-Morales, & Pintado, 2020).

Ein Meilenstein für Musiktherapie bei Demenz in der Schweiz wurdeAnfang September erreicht. Die Vorstandsmitglieder Rahel Roth-Sutter und Diana Ramette-Schneider haben die Langfassung der Behandlungsempfehlungen zu Musiktherapie bei Demenz den Swiss Memory Clinics (SMC) eingereicht und Musiktherapie wird als Beispiel für die anderen nonverbalen Therapien angeführt, um daraus die Kurzfassung der Behandlungsempfehlungen der SMC zu formulieren. Musiktherapie als nicht-medikamentöse Therapie ist somit zukünftig Schweizer Ärzt:innen einfacher zugänglich. 

1.1 Unser Medium: Musik

Wissenschaftlich sind wir in einer stärkeren Position als je zuvor, um erfolgreich zu argumentieren, dass Musiktherapie zum Behandlungskonzept in Alters- und Pflegezentren dazugehören sollte. Zudem bietet das Medium Musik unvergleichliche Möglichkeiten, um die Wahrnehmung zu fördern. Bei fortgeschrittenem kognitivem Abbau (wie für viele Betroffene des Beispiels) ist Musik oft die einzige Möglichkeit der Teilnahme an einer gemeinsamen Aktivität.

Die Tatsache, dass das Musiklangzeitgedächtnis von neurodegenerativen Hirnveränderungen nur wenig betroffen wird, erklärt, wieso Musik bei fortgeschrittener Demenz so eine grosse Bedeutung haben kann. Der Grund für die euphorische Art, mit der Menschen mit Demenz auf Musik reagieren können, liegt darin, dass Musik „mit sehr frühen und emotional basierten Erfahrungen abgespeichert“ wird (Argstatter & Schmidt, 2020, S.127). Manchmal scheinen die Menschen sich so fest an die Musik zu halten, als ob es ein Licht ins Dunkel wäre, ein Moment von Freude in einer sonst beängstigenden Welt der Betroffenen.

2.0 Demenz in der Schweiz

In der Schweiz leben ca. 146 500 an Demenz erkrankte Menschen und es kommen jedes Jahr um die 31’000 neue Demenzdiagnosen dazu. Die Kosten für unser Gesundheitssystem betragen rund 11.8 Milliarden pro Jahr (BAG, 2022).  Die rasch steigenden Zahlen werden wohl zukünftig aufgrund der alternden Bevölkerung noch mehr zunehmen. Dies wird dazu führen, dass mehr Menschen mit mittlerer bis schwerer Demenz im Heim wohnen, und somit die Therapieangebote in den Heimen ständig angepasst werden müssen, um den Bedürfnissen der Bewohner:innen gerecht zu werden. Laut erfahrenen Aktivierungsfachpersonen in meinem Team entsprechen komplexe Handwerkaktivitäten und der Bibliotheksdienst, die früher beliebte Angebote der Aktivierungstherapie waren, jetzt nicht mehr den Bedürfnissen der Klientel. Musikinterventionen hingegen werden immer wichtiger werden, als einzigartige Möglichkeit, Menschen mit Demenz zu erreichen und zu Kommunikation, Kreativität und Teilnahme an der Gemeinschaft zu befähigen.

2.1 Ein Vergleich mit Grossbritannien (GB)

Der Bedarf ist zunehmend und die Evidenzlage vielversprechend. Trotzdem scheint die Musiktherapie in Heimen in der Schweiz nicht so etabliert zu sein wie z.B. in Grossbritannien. Das könnte an verschiedenen Faktoren liegen. Musik als Intervention bei Demenz (nicht nur reine Musiktherapie) ist in der britischen Gesellschaft sehr präsent und hat in den letzten Jahren viel Platz in den Schlagzeilen bekommen mit Projekten wie: Playlist for Life, Music Mirrors, die BBC-Berichtserstattung von ‘The Dementia Choir’, Manchester’s Camerata’s Project ‘Music in Mind’, bei denen Berufsmusiker:innen und Musiktherapeut:innen zusammen in Heimen mit an Demenz erkrankten Menschen musizieren. Ein anderer Faktor ist, dass die Musiktherapie in Grossbritannienweniger Konkurrenz von anderen Angeboten hat: Die Tatsache, dass es keine Aktivierungstherapie in Grossbritannien gibt, ist bedenklich, dürfte aber mit ein Grund sein, wieso Musiktherapie einen höheren Status geniesst.

3.0 Schlussfolgerungen, Fragen

Was müssten wir tun, damit Musiktherapie in Schweizer Heimen selbstverständlich zum Behandlungskonzept dazugehört? Es wäre hilfreich, eine einheitlichere Herangehensweise zu haben, um zu bestimmen,wo wir in Institutionen hineinpassen. Sollte Musiktherapie der Aktivierungstherapie zugehörig sein, sich innerhalb des medizinisch-therapeutischen Teams einordnen, die Einbindung in den psychologischen Dienst suchen – oder soll die Musiktherapie als eigenständige, nicht-eingebundene Therapieform bestehen? Die interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert Offenheit und Flexibilität, kann aber eine grosse Bereicherung sein. Es kann auch wichtig sein, Musiktherapie von anderen musikbasierten Angeboten abzugrenzen. Als ausgebildete Musiktherapeut:innen liegen unsere Stärken in der Beziehungsgestaltung, in unseren Fähigkeiten, die Improvisationen zu interpretieren, darauf zu reagieren und unser Wissen diagnostisch einzusetzen. Demenzbetroffenen Menschen kommt dieses von Resonanz geprägte Angebot jenseits der verbalen Ebene entgegen und ermöglicht oftmals den Zugang zu ihren Ressourcen.

Vielleicht sollten wir auch mehr Offenheit gegenüber nicht rein musiktherapeutischen Projekten haben, welche den Stellenwert der Musik als Intervention bei Demenz in einer Institution und in der breiten Gesellschaft erhöhen (wie z.B. Playlists für alle Bewohner:innen zu erstellen), damit die Wirkung von Musik generell und in der Folge auch speziell im Rahmen der Musiktherapie noch mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft rückt. Und ein weiteres Anliegen wäre, dass das Thema Demenz mehr Gewicht in den Ausbildungsinstitutionen in der Schweiz bekommt.

Liebe Leserinnen und Leser, es gibt sicher viele von euch, die schon Jahre lang Erfahrung auf diesem Gebiet haben, ich würde mich gerne mit euch austauschen! Falls Du daran interessiert bist, den Arbeitskreis Gerontologie wieder aufzunehmen, schicke mir bitte ein Mail (cox(at)musictherapy.ch).

 

Annette Cox

 

Literatur

Argstatter, H., & Schmidt, H. U. (2020). Musiktherapie bei psychischen und psychosomatischen Störungen (1. Auflage). Elsevier.

Demenz. (n.d.). Retrieved September 17, 2022, from www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/krankheiten-im-ueberblick/demenz.html

Fang, R., Ye, S., Huangfu, J., & Calimag, D. P. (2017). Music therapy is a potential intervention for cognition of Alzheimer’s Disease: a mini-review. Translational Neurodegeneration, 6(1). doi.org/10.1186/S40035-017-0073-9

Lam, H. L., Li, W. T. V., Laher, I., & Wong, R. Y. (2020). Effects of Music Therapy on Patients with Dementia-A Systematic Review. Geriatrics (Basel, Switzerland), 5(4). doi.org/10.3390/GERIATRICS5040062

Moreno-Morales, C., Calero, R., Moreno-Morales, P., & Pintado, C. (2020). Music Therapy in the Treatment of Dementia: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Medicine, 7, 1–11. doi.org/10.3389/FMED.2020.00160

van der Steen, J. T., Smaling, H. J. A., van der Wouden, J. C., Bruinsma, M. S., Scholten, R. J. P. M., & Vink, A. C. (2018). Music-based therapeutic interventions for people with dementia. The Cochrane Database of Systematic Reviews, 7(7). doi.org/10.1002/14651858.CD003477.PUB4

 

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