Erinnerungen Sandra Lutz Hochreutener

Unterwegs mit dem Fachverband

Eine kunterbunt gemischte Gesellschaft von vielleicht 20 Menschen...

Mehrere ältere bis ältlich wirkende Damen, mit mir drei junge Frauen...

Zwei Männer, die in diesem weiblichen Konvolut hippiehaft exotisch daherkommen, aber sehr kompetent wirken...

Ach ja, sie gehören auch zum siebenköpfigen Vorstand, dessen sympathisch wirkende Präsidentin immer wieder zur Ordnung aufrufen muss...

Spannende Diskussion: Was gehört zu Musiktherapie, was nicht?...

Und spannungsvolle Dynamik: Wer darf sich Musiktherapeut oder Musiktherapeutin nennen – auch diejenigen, die von der Opernbühne kommen und auf Station in der Psychiatrie Liedersingen anbieten?...

So etwa waren meine Eindrücke von der ersten Versammlung des neu gegründeten Schweizerischen Fachverbands für Musiktherapie, die ich Ende 1981 besuchte. Wenn ich heute zurückdenke, dann war die Gründung eines Fachverbands mit einer so heterogen zusammengesetzten Gruppe eine hohe Leistung – ganz besonders, wenn man die gemeinsam erarbeiteten Standards betrachtet, die mit ihrer Fokussierung auf Professionalität und Qualitätssicherung für die damalige Zeit einzigartig waren. Da mussten viele Brücken zwischen den vielen äusserst unterschiedlich autodidaktisch Tätigen und den wenigen ausgebildeten Musiktherapeuten gebaut werden.

Diese Standards beschäftigten auch mich damals. Nach meinem Musiktherapie-Abschluss 1981 an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien wollte ich baldmöglichst dem Fachverband beitreten. Der Lehrgangsleiter Prof. Alfred Schmölz hatte mich vorausgehend schon darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz einen „Verein zur Gründung eines Schweizerischen Fachverbands für Musiktherapie” gäbe. Da sei auch ein gewisser Fritz Hegi, der einen interessanten Artikel über die Elemente der Musik als therapeutische Wirkfaktoren geschrieben habe. Ich müsse unbedingt mit ihm Kontakt aufnehmen. Auch Gerda Bächli, die mit einem Professor in Heilpädagogik, Hermann Siegenthaler, zusammenarbeite, sei eine interessante Persönlichkeit. Er habe sie am Lenker Forum für Musiktherapie erlebt. So war ich hoch motiviert, diese Community kennenzulernen.

Aber eben, die Aufnahmebedingungen als ordentliches Mitglied beinhalteten auch eine hohe Anzahl Eigentherapie im Einzelsetting, das war damals an den Musiktherapieausbildungen noch nicht Usus.

Zurück in der Schweiz suchte ich mir deshalb so schnell als möglich eine Psychotherapie und schrieb an den Vorstand, ob ich allenfalls als Passivmitglied mitmachen könne bis ich die verlangten Therapiestunden beisammen hätte. Die Antwort überraschte und enttäuschte mich auch ein wenig: „Wir nehmen Sie sofort als ordentliches Mitglied auf. Wir brauchen ausgebildete Kolleginnen und Kollegen.” Ich solle unbedingt zur nächsten Versammlung kommen – diese erlebte ich dann wie oben beschrieben als ziemlich chaotisch, aber ich fing Feuer.

Bereits 1983 wurde ich für fünf Jahre Vorstandmitglied und übernahm von Randi Coray die Redaktion des zweimal jährlich erscheinenden Bulletins, wobei ich auf die tatkräftige Mithilfe von Barbara Gindl und Lotti Müller zählen konnte. Wir motivierten die Mitglieder, Artikel zu schreiben. Der Auftritt nach aussen schien uns wichtig, weshalb wir die fachlich-inhaltliche Qualität kritisch prüften und auch einem ansprechenden Layout Gewicht beimassen. So nahmen wir beispielsweise keine handgeschriebenen Beiträge mehr an. Mit dem Massstab wurden die Ränder sorgfältig ausgemessen, die maschinengeschriebenen Texte passend zurechtgeschnitten und dann sorgfältig eingeklebt – heute kaum mehr vorstellbar, wenn man am PC sitzt und in kürzester Zeit perfekte Layouts einstellen kann.
Das Titelblatt zierte zuerst ein Scherenschnitt des „Zupfgeigenhansels”, einem lustigen Gesellen, der mit einer Gitarre unterwegs ist. Bald schien uns dies jedoch zu banal. Im Einverständnis mit dem Vorstand schalteten wir einen Graphiker ein, der uns das erste Fachverbandssignet entwarf: eine Schlange in der Form eines Violinschlüssels. Damit sollte die Verbindung von Heilkunst und Musik symbolisiert werden.

Die durch die Arbeit im Vorstand und in der Bulletin-Redaktion entstehende Vernetzung und der professionelle Austausch mit vielen Berufskolleginnen und -kollegen beglückten mich und befruchteten meine musiktherapeutische Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Ja, vieles, was meine Professionalität essenziell geprägt hat, ist aus Kontakten im Fachverband erwachsen: die mehrjährige Intertherapiearbeit in einer Dreiergruppe, das gemeinsame Unterwegs-Sein in Supervisions- und Intervisionsgruppen, und ganz besonders natürlich die Einladung von Fritz Hegi, beim Aufbau der „Berufsbegleitenden Ausbildung für Musiktherapie (bam)” mitzuwirken, die 1986 mit der ersten Studiengruppe startete. 35 Jahre lang durfte ich Musiktherapie-Studierende begleiten, 2003 die Integration in die Hochschule mitermöglichen. Die intensive Zusammenarbeit in Leitung und Lehre mit Fritz Hegi und Maja Rüdisüli bis 2008 und danach bis diesen Sommer mit Beate Roelcke sind ein grosses Geschenk.

Ein Teil unseres Engagements in all den Jahren galt dem Ringen um Anerkennung und Etablierung des Fachs Musiktherapie im Gesundheitswesen. Diese berufspolitischen Herausforderungen erforderten ein enges Zusammengehen mit dem Fachverband. Ich bin den verschiedenen Persönlichkeiten, die im Lauf der Jahre Aufgaben im Vorstand übernommen haben, dankbar für die Bereitschaft, zusammen zu arbeiten und auch bei komplexen Themen und Herausforderungen respektvoll und konstruktiv kritisch im Dialog mit uns zu bleiben. Gerade in den letzten Jahren hat es auf allen Seiten viel diplomatisches Geschick erfordert, das Schiff Musiktherapie heil durch die berufspolitischen Turbulenzen zu navigieren. Es ist schön, dass sich hier nun neue Perspektiven aufgetan haben.

Ich wünsche dem Fachverband aktive und engagierte Mitglieder, die

  • sich mit Begeisterung vernetzen und gemeinsam weiter lernen
  • über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen Artikel und Buchbeiträge schreiben
  • an Kongressen und Tagungen Vorträge halten und Workshops anbieten
  • den Mut haben, Forschungsprojekte zu lancieren
  • den hohen Standards in Bezug auf Qualitätssicherung weiterhin verpflichtet bleiben
  • sich selber und miteinander immer weiter in und mit der Musik entwickeln
  • weitergehen und lebenslang spielerisch Neues wagen, auch wenn (Zitat Gerda Bächli) mal etwas schiefgegangen ist

 

Oktober 2021

Sandra Lutz Hochreutener

 

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