Schweizer MusiktherapeutInnen an der EMTC

Stine Lindahl trat auf eine grosse blau-beleuchtete Bühne, um den Auftakt zur Konferenz zu geben: eine kleine Frau in goldenem Paillettenkleid. Barfuss. Dass sie klein ist, kommentierte sie selber, jedes Mal wenn sie für einen neuen Redner das Mikrofon in der Höhe verstellen musste. Das Glitzerkleid zeigte Format, glänzte, passte in die elegante Umgebung eines Europa mit besten und modernsten Konzertsälen. Die Füsse haben wir erst nach einer Weile bemerkt: für mich ein Zeichen von Bodenständigkeit, Selbstbewusstsein und Flexibilität (mit der Zeit gab es Stine auf, das Mikro hoch- und runterzufahren und stand einfach auf den Zehenspitzen!)

Nicht dass ich Stine auf ihr Äusseres reduzieren möchte, viel mehr eröffnet mir ihr Auftreten eine neue Sicht unseres Auftritts als Musiktherapeuten im Allgemeinen. Unsere Musiktherapiewelt ist verhältnismässig klein und muss sich in der Welt der Medizin und Psychologie/Psychiatrie behaupten, soll glänzen und gesehen werden, ohne die Verbindung zum Ursprünglichen zu verlieren. Als Musiktherapeuten suchen wir einen Weg zwischen Kreativität, Wissenschaft und Medizin: ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Konferenz zog.

Fields of Resonance – „Resonanzfelder“ – war der Titel der 11. europäischen Musiktherapie-Konferenz. Mit Teilnehmern aus über 40 Ländern, insgesamt über 500 Teilnehmern, 12 Parallelsitzungen in einem preisgekrönten Gebäude, eröffnete sich uns ein weites Feld mit viel Raum für Resonanz. Meine erste Konferenz seit über 20 Jahren: eine Vielfalt von Eindrücken und Begegnungen, die mich inspirierten und motivierten für meinen musiktherapeutischen Alltag in der Schweiz.

Die Zusammenkunft so vieler Musiktherapeuten sorgt für viel kreativen Ausdruck: am Eröffnungsabend sang der Intelligent Choir mit „Vocal Painting“ (da wurden wir natürlich mit einbezogen), morgens wurden wir mit einem gemeinsamen Lied und mit Theater begrüsst, abends gab es ein Räuberessen, am Konferenz-Dinner wurde mit Liveband bis in die Nacht hinein getanzt. Bekanntlich sind die Kaffeepausen an Konferenzen das wichtigste: bei Gesprächen habe ich viel Neues gelernt, diskutiert und Kontakte geknüpft.

Die Vielfalt der Themen im Programm war überwältigend. Präsentiert wurde in Form von Vorträgen, runden Tischen, Symposien und Workshops. So unterschiedlich wir als MusiktherapeutInnen arbeiten, waren auch die Themen. Von Neonatologie zu Demenz, von Autismus bis Zeichnen, GIM, Gender, Schule, QiGong, Yoga, Psychiatrie, Palliative Care, Flüchtlinge und Familien, und das ganze Umfeld von Ausbildung über Interdisziplinarität, Politik und Kollaboration mit anderen Kreativtherapien. Seit meinem letzten Besuch auf einer Musiktherapiekonferenz (Weltkongress in Hamburg 1996!) scheint sich sehr viel getan zu haben! Vor allem fiel mir auf, wie offen der Diskurs zwischen den verschiedenen Methoden und Disziplinen war, die zum Teil nebeneinander präsentiert wurden. Es wirkte auf mich, als ob die Suche nach Gemeinsamkeiten und Diversität mehr zum Vorschein kam als eine Konkurrenz um Aufmerksamkeit und Erfolg.

In der Forschung gab es eine Vielfalt an Fragestellungen und Methoden, vor allem wurde mir klar, wie viel Forschung in kleineren Ländern gemacht wird. Aus Skandinavien kamen eine Vielfalt von grösseren Forschungsprojekten, z.B. aus der Neonatologie, GIM, Musiktherapie mit Familien oder Demenz. Ich entdeckte neue Grundsatzfragen, die in der Forschung gestellt werden. Der Begriff „participatory research“ wurde in einer Keynote vorgestellt und tauchte an verschiedensten Stellen wieder auf. Schon bei der Planung eines Forschungsprojekts sollten Klienten involviert, ihre Fragen und Bedürfnisse entgegen genommen werden, damit die resultierenden Fragen einer Studie für den Endnutzer relevant bleiben. Vor allem, weil wir mit und über unsere Patienten forschen, sei es wichtig, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und Fragen in ein Projekt mitbringen könnten. Sicherlich motiviert dies Patienten, an einer Studie bis zum Schluss dabei zu bleiben.

Aus der Schweiz kamen Beiträge zur Neonatologie, zur Zusammenarbeit mit anderen künstlerischen Therapien und zur Musiktherapie im schulischen Bereich.

An den Symposien wurden mehrere Kurzvorträge zu verwandten Themen präsentiert und dann diskutiert. Ein Symposium war betitelt „Music Therapy in the humanisation of intensive and palliative care“. Da ich im Kinderspital sowohl auf der Intensivstation als auch mit palliativen Patienten arbeite, hat mich das Thema sehr angesprochen. Präsentiert wurde aus Projekten in Spanien, Israel, Kolumbien und Island. Da Musiktherapie ein biopsychosoziales Angebot ist, kann sie nicht nur Leiden und Schmerzen reduzieren, sondern auch über emotionale Unterstützung und Einbindung anderer Familienmitglieder und Mitarbeiter den Fokus auf die Person selber und ihre Bedürfnisse richten. Der Umgang mit Palliativ-Situationen zeigt sich in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich. In Spanien sowie in Kolumbien war die Musik schwungvoll und rhythmisch, Pflegerinnen und andere Mitarbeiter haben mitgesungen, und der Begriff „Stille“ wirkte auf mich sehr dehnbar. Auf jeden Fall eine ganz andere Atmosphäre als bei uns auf der Intensivstation in der Schweiz! Und doch konnte ich etwas von diesen fremden Klängen mit nach Hause nehmen um sie in meiner Umgebung mitschwingen lassen, der Begriff „humanisation“ begleitet mich im Alltag auf den Stationen.

Zwischendurch tat es gut, in Workshops selbst aktiv werden zu können. Ich besuchte einen Schreibworkshop, was dazu führte, dass ich nun diesen Bericht schreibe. Eine Stunde lang mit erfahrenen Musikern Circle Songs zu singen war der wahre Genuss, und absolut inspirierend und alltagstauglich war ein Workshop zum Thema „Personal Music and Imagery: a method for self supervision”.

Sowohl in der Eröffnungszeremonie als auch an der Abschlussfeier wurden Schweizerinnen prämiert. Zum ersten Mal wurde ein Preis für das Lebenswerk einer Therapeutin vergeben, und zwar an Heidi Fausch Pfister aus der Schweiz. Der Preis für das beste Poster ging an Diandra Russo, ebenfalls aus der Schweiz, die die Resultate ihrer Masterarbeit zum Thema „Being Kind to Oneself: Mindful Self-Compassion In Music Therapy as A Resource for Individuals with Chronic Pain - A Pilot Study” präsentiert hat. Herzliche Gratulation an beide Preisträgerinnen!

Die Konferenz zeigte mir den Willen, Gemeinsamkeiten zu finden und zu feiern, von den unterschiedlichen Herangehensweisen der anderen zu profitieren und sich inspirieren zu lassen. Eine beachtliche Forschungslandschaft breitet sich über verschiedene Arbeitsfelder aus. Die Projekte, die in Aalborg präsentiert wurden, waren zum Teil sehr schlicht und praxisbezogen. Ich hoffe, dass wir in der Schweiz noch aktiver werden, damit wir in drei Jahren an der EMTC in Edinburgh vermehrt präsent sein werden und unsere ganz eigene Klangfarbe in die Vielfalt der europäischen Forschung werden einbringen können.

https://www.qmu.ac.uk/news-and-events/events-listing/2022-european-music-therapy-conference/

 

Rachel Gotsmann

 

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